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15.09.2011

Van-der-Waals-Kräfte stabilsieren extrem lange Bindungen zwischen Kohlenstoffmolekülen


Der Gecko macht es vor: Ohne Saugnäpfe, nur mit unzähligen winzigen Härchen an seinen Füßen kann er an spiegelglatten Oberflächen haften. Möglich machen dies die so genannten van-der-Waals-Kräfte, die unter dem Grundsatz "Stoffe ziehen sich immer an" für das Zusammenhalten von Gasen und anderen Stoffen sorgen. Diese "Dispersionswechselwirkungen" sind aber einzeln genommen schwach und lassen sich deshalb nur schlecht direkt bei chemischen Verbindungen berücksichtigen. Erstmals wurde jetzt aber nachgewiesen, dass die van-der-Waals-Kräfte sogar extrem lange (und deshalb eigentlich schwache) Bindungen zwischen Kohlenstoffmolekülen stabilisieren können. Die Forschungsergebnisse der Arbeitsgruppe um den Gießener Chemiker Prof. Dr. Peter R. Schreiner sind in der aktuellen Ausgabe des Forschungsmagazins "Nature" veröffentlicht.

In der Strukturchemie geht man davon aus, dass kurze Bindungen zwischen Atomen besonders stark sind und lange besonders schwach. So haben typische Kohlenstoff-Kohlenstoff-Bindungen eine durchschnittliche Länge von 154 Pikometern (ein Pikometer ist der billionste Teil eines Meters). Es ist äußerst schwer, C-C-Bindungen von mehr als 165 Pikometern Länge herzustellen. Solche Strukturen sind instabil und zerfallen schnell. Den Gießener Chemikern ist es aber gelungen, sehr stabile Moleküle mit Bindungslängen von über 170 Pikometern zu synthetisieren.

Diese Ergebnisse haben Bedeutung für die molekulare Erkennung, die Enzymkatalyse, neue Materialien und für das gezielte Design neuer chemischer Strukturen, die bis dato unerreichbar schienen - wie zum Beispiel Materialien, die auch ohne Klebstoff zusammengehalten werden. Denkbar wären Anwendungen in der Nanotechnologie, aber auch in der Medizin. Derzeit sucht die Wissenschaft bereits nach Möglichkeiten, die Gecko-Kräfte für den Menschen nutzbar zu machen. So ist beispielsweise ein "Gecko-Tape" in der Entwicklung, das wie ein Klebeband funktioniert.

Die Arbeit der Gießener Forscher beschreibt, dass vermeintlich instabile Moleküle durch Dispersionskräfte äußert stabil werden können. Dazu benutzen die Chemiker sogenannte "Nanodiamanten", also diamantartige Moleküle von der Größe weniger Nanometer, die aus Rohöl in großen Mengen zugänglich sind. Da perfekte Nanodiamanten extrem glatt und flach sind, bestand die Idee darin, zwei Nanodiamanten miteinander zu verknüpfen, um die Dispersionskräfte zwischen ihren Oberflächen maximal auszunutzen.

Diese Moleküle ließen sich unerwartet leicht herstellen und strukturell sehr genau charakterisieren. Die Hoffnungen auf lange Bindungen zwischen den Nanodiamant-Bausteinen wurden übertroffen: Das größte Molekül weist eine C-C-Einfachbindung jenseits der Grenze von 170 Pikometern auf. Dies ist die längste jemals in einem gesättigten Kohlenwasserstoff gefundene C-C Bindung. Trotzdem sind diese Verbindungen äußerst stabil. Sie zersetzen sich erst nach mehrstündiger Erwärmung auf über 250 Grad Celsius. Die hohe Stabilität der Zielverbindungen geht einzig und allein auf die Dispersionskräfte zurück, wie die Autoren mit quantenmechanischen Berechnungen zeigen.

Quelle: idw/Universität Gießen




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