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07.12.2009

Das Geheimnis von Stradivaris Geigenlack


Niemand weiß genau, was Stradivari-Geigen so besonders macht. Nun haben Wissenschaftler des ISAS in Dortmund und des Musée de la musique in Paris dieses Geheimnis zum Teil gelüftet: Mit Mikroskop und Spektrometer entschlüsselten sie die Zusammensetzung der Lackschichten auf fünf Stradivari-Geigen.

Sie haben einen einzigartigen Klang, und sie sind einzigartig schön: Die Geigen aus der Hand des Instrumentenbauers Antonio Stradivari. Besonders die Lackierung der Instrumente fasziniert Musiker, Historiker und Chemiker. Nun hat ein Forscherteam unter Beteiligung des Leibniz-Instituts für Analytische Wissenschaften (ISAS) in Dortmund das Geheimnis des Stradivari-Geigenlacks gelüftet.

"Man versucht schon seit über 100 Jahren, das Besondere an den Stradivari-Geigen zu finden", erklärt Dr. Alex von Bohlen vom ISAS, der an der Studie maßgeblich beteiligt war. Er hat zusammen mit einer Gruppe französischer Wissenschaftler um Jean-Philippe Echard (Musée de la musique, Paris) die Lackschichten auf fünf verschiedenen Stradivari-Geigen aus den Jahren 1692 bis 1724 untersucht. Das Ergebnis der Studie, die im Magazin Angewandte Chemie (online vorab) erschienen ist: Alle Lacke sind sich bemerkenswert ähnlich, obwohl die Geigen in einem Zeitraum von drei Jahrzehnten entstanden. Sie bestehen jeweils aus einer unteren Schicht aus trocknendem (sikkativem) Öl, die das Holz versiegelt, und einer Deckschicht aus Öl, Harz und - bei vier der fünf Geigen - roten Pigmenten, die die besondere Farbe der Stradivari-Geigen ausmachen.

Zu diesem Ergebnis kamen die Wissenschaftler nach Untersuchungen mit sehr verschiedenen Methoden. So legten sie die Proben der Geigenlacke zunächst unter ein Lichtmikroskop. Dabei konnten sie eindeutig die beiden Schichten unterscheiden, von denen die Untere in die Holzzellen des Geigenkörpers eingedrungen war und das Holz versiegelt hatte.

Unter dem Rasterelektronenmikroskop (REM) unterzogen die Forscher ihre Proben danach einer so genannten energiedispersiven Röntgen-Analyse (EDX). Mit dieser Methode konnten sie nachweisen, dass die untere Schicht keine tierischen Eiweiße und auch keine Wachse oder Gummen enthält. "Unter Wissenschaftlern und Geigenbauern kursiert die Annahme, dass man Oberflächen damals mit Gemischen aus Leimen oder Eiweißen versiegelt hat, die verkleben und dann schnell trocknen", erklärt von Bohlen, der unter anderem die REM-EDX-Analysen durchgeführt hat. "Tatsächlich hat man auch an französischen Instrumenten aus der gleichen Zeit solche Materialien gefunden. Doch Stradivari arbeitete offenbar mit langsamer trocknenden Ölen."

Zusätzlich zu den REM-EDX-Analysen untersuchten die Wissenschaftler die Proben mittels SR-FTIR-Spektroskopie und Mikro-Raman-Konfokalspektroskopie. In früheren Untersuchungen hatten sie bei einer der Geigen ("Sarasate", 1724) bereits das Pigment Zinnober in der obersten Lackschicht gefunden. Nun konnten sie zwei weitere Farbstoffe nachweisen, die Stradivari seinen Lacken beigemischt hat: den Farbstoff Cochenille, der damals aus der zentralamerikanischen Cochenille-Laus (Dactylopius coccus) gewonnen wurde, und rotes Eisenoxid. "Die Verwendung von roten Eisenoxiden und Zinnober war zu Stradivaris Zeit bei Malern sehr verbreitet", schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie.

Die fünf untersuchten Stradivari-Geigen gehören seit mindestens einem Jahrhundert zur Sammlung des Pariser Musikinstrumente-Museums. Weil es sich um Museumsobjekte handele, seien sie gut dokumentiert und weit weniger angefasst und gespielt worden als andere Stradivari-Geigen, so die Forscher. Daraus und aus der Tatsache, dass die Lacke der fünf Geigen sich stark ähneln, schließen sie, dass es sich um die Original-Lackierungen handelt. Stradivari habe demnach durchaus geläufige und leicht erhältliche Materialien benutzt, die im 18. Jahrhundert im Kunsthandwerk verbreitet gewesen seien, heißt es in der Studie. "Er hat keine ungewöhnlichen oder gar "geheimen" Zutaten verwendet, sondern war ein Meister seines Handwerks, der die Kunst des Geigenbaus - und besonders der Holzveredelung - auf einen Höhepunkt gebracht hat."

Quelle: idw/Institute for Analytical Sciences (ISAS)




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