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Nachrichten und Pressemeldungen aus Labor und Analytik

05.01.2006

Forschungsbericht über die Gesundheitsgefährdung bei der industriellen Verarbeitung von Styrol


Mit zwei unterschiedlichen Herangehensweisen der klinisch-epidemiologischen Forschung werden am Beispiel von Styrol die gleichermaßen bedeutsamen Möglichkeiten für neue Erkenntnisse aufgezeigt.

Zunächst werden die Ergebnisse einer epidemiologischen Studie über styrolbelastete Betriebe mit dem Schwerpunkt chronische Gesundheitsstörungen dargestellt. Des Weiteren wird über eine klinische Untersuchung berichtet, die vorrangig auf die Früherkennung von Effekten am zentralen und peripheren Nervensystem bei Beschäftigten in einem solchen Betrieb ausgerichtet war.

Querschnittsuntersuchung zu Gesundheitsrisiken durch Styrol (F 5047)

Mit einer epidemiologischen Studie wurde das Gesundheitsrisiko für Beschäftigte in styrolverarbeitenden Betrieben im Vergleich zu Nichtexponierten auf der Basis eines Datenbankenvergleiches (Arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen, stationäre Behandlungsfälle, Todesursachenstatistik der DDR) untersucht. Die Exponierten- und die regionale beschäftigte Kontrollgruppe bestand aus je 1926 Männern und 430 Frauen. Die Styrolexponierten waren zum überwiegenden Teil Beschäftigte mit den Tätigkeiten "Be- und Verarbeiten von Kunststoffen" sowie "Bau- und Baumontagearbeiten". 15 % der Männer und 18 % der Frauen kamen aus anderen Bereichen (u.a. Beschichten von Metallen, Herstellen von Kunststoffen, Folien, Fußbodenbelägen, Lacken, Farben u.ä.). Messergebnisse zur personenbezogenen Belastungssituation gegenüber Styrol standen für diese Studie nicht zur Verfügung.

Die Untersuchungen ergaben für styrolexponierte Männer im Kontrollgruppen-Vergleich kein erhöhtes Krebsrisiko (ICD-9: 140.0-208.9; OR=0.57, 95 %-CI=0.28-1.17; adjustiert nach Alter und Rauchen) und auch spezielle Krebserkrankungen traten nicht gehäuft auf. Exponierte Männer zeigten gegenüber Nichtexponierten ein signifikant erhöhtes Erkrankungsrisiko an Hypertonie (ICD-9:401.0-405.0; OR=1.42, 95 %-CI=1.13-1.79; adjustiert nach Alter, Rauchen, Schichtarbeit und BMI) und Diabetes mellitus (ICD-9:250.0-250.9; OR=2.15, 95 %-CI=1.20-3.87). An Arbeitsplätzen mit Glasfaserstaubbelastung und wahrscheinlich auch hoher Styrolexposition wurde eine Überschussmorbidität an Lebererkrankungen (ICD-9:570.0-573.9; OR=4.45, 95 %-CI=3.24-6.10; adjustiert nach Alter und Rauchen) sowie an chronischen obstruktiven Lungenkrankheiten (ICD-9:490.0-496.0; OR=2.15, 95 %-CI=1.09-4.25; adjustiert nach Alter und Rauchen) beobachtet. Die Kontaktdermatitis (ICD-9:692.0-692.9) war bei an- und ungelernten Männern mit Styrolexposition signifikant erhöht (OR=1.92; 95 %-CI=1.08-3.42).

Auch bei Frauen konnte analog zu den Männern ein signifikant erhöhtes Risiko für Lebererkrankungen (OR=9.04; 95 %-CI=1.87-46.4) beobachtet werden. Ebenfalls erhöht zeigte sich das Risiko an Kontaktdermatitis (OR=9.04; 95 %-CI=2.39-34.20) bei Frauen an Arbeitsplätzen mit Glasfaserstaubbelastung. Das Krebsrisiko (geringe Fallzahl), die Hypertonierate und chronische obstruktive Lungenkrankheiten waren bei exponierten Frauen im Vergleich zur Kontrollgruppe nicht signifikant erhöht.

Die Ergebnisse der Studie sind kritisch zu bewerten, da Alkohol als wesentlicher Confounder bei der Bewertung der Lebererkrankungen nicht erfasst wurde. Mögliche Verzerrungen aufgrund spezieller Diagnostik und häufigerer Untersuchungsfrequenz bei Exponierten im Vergleich zu Nichtexponierten sind nicht auszuschließen. Eine Risikoerhöhung an Lebererkrankungen, chronischen obstruktiven Lungenkrankheiten (nur bei Männern) und Kontaktdermatitis an speziellen Arbeitsplätzen spricht insgesamt dennoch für einen Effekt von Styrol und - Technologie bedingt - von Glasfaserstäuben. Mit einer zusätzlichen Auswertung betrieblicher Messprotokolle über die Luftkonzentration von Styrol in 5 Betrieben, die Polyesterharze verarbeiteten (u.a. Bootsbau, Säureschutzverkleidungen, Behälterbau, Herstellung von Fußböden), konnten z.T. erhebliche grenzwertüberschreitende Belastungen (über 85 mg/m³) nachgewiesen werden.

Früherfassung neurotoxischer Wirkungen des Styrols (F 5108)

Eine klinische Studie wurde zur Früherkennung von neurotoxischen Wirkungen des Lösungsmittels Styrol bei 29 Langzeitexponierten der Kunststoffverarbeitung mit neurologischer Untersuchung, elektrophysiologischer und leistungspsychologischer Diagnostik sowie Beschwerden-Fragebögen durchgeführt. Die Erfassung von subjektiven Beschwerden mittels Fragebögen (PNF I, PNF II und Q 16) auf ihre Aussagefähigkeit bei der Früherfassung von neurotoxischen Wirkungen und ihre Eignung für ein effektives Screening-Programm im Rahmen arbeitsmedizinischer Vorsorgeuntersuchungen stand dabei ebenso im Vordergrund wie die Frage nach der Nachweisbarkeit neurotoxisch erklärbarer adverser Effekte in der objektiven neuropsychologischen Diagnostik.

Quelle: Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)




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