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16.06.2003

Deutsche Biotechnologie in einer Konsolidierungsphase


Der Boom in der deutschen Biotechnologiebranche ist vorbei. Die Branche geht nach dem Aufschwung der vergangenen fünf Jahre in eine Phase der Konsolidierung. Dieses Fazit ziehen die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (Mannheim) in ihrem "4. deutschen Biotechnologiereport 2003" mit dem Titel "Zeit der Bewährung" und der "Biotech Report 2002/2003 Berlin-Brandenburg" des Aktionszentrums BioTop. Beide Berichte sind Anfang Mai dieses Jahres erschienen. Erstmals seit fünf Jahren gab es 2002 keine Zunahme bei der Anzahl der Firmen, des Umsatzes und der Arbeitsplätze, sondern einen Rückgang. Dieser Trend wird sich wohl auch noch dieses Jahr so fortsetzen, prognostiziert Ernst & Young. Die Lage der Biotechbranche im In- und Ausland war ein Schwerpunktthema auf dem Berlin-Buch Congress on Biotechnology 2003 im Max Delbrück Communications Center (MDC.C). Veranstaltet wird der internationale Kongreß vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC), BioTop Berlin-Brandenburg, der Berlin-Buch Management GmbH (BBM) gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), der BBB Management GmbH Berlin-Buch, dem Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP), dem Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) sowie den Berliner Wirtschaftsgesprächen.

Im Vergleich zu den USA ist die Biotechnologie-Branche in Deutschland noch sehr jung. Bereits Mitte der 70er Jahre begann sich die Biotechnologie-Branche in den USA zu entwickeln. Als sich Anfang der 80er Jahre in Deutschland langsam die großen Firmen dieser Entwicklung anschließen wollten, waren die Voraussetzungen nicht gut. Die Zusammenarbeit zwischen Universitäten und Industrie war eher verpönt und es gab auch kaum Venture Capital zur Finanzierung neuer Firmen. Zusätzlich dazu herrschte in der Gesellschaft Ungewissheit vor möglichen Gefahren und sozialen Auswirkungen der modernen Biotechnologie.

Deutschland und auch Europa holten, nach Meinung von Experten, in der Entwicklung erst auf, als das bis dahin nach ihrer Ansicht viel zu streng ausgelegte Gentechnik-Gesetz im Jahr 1993 geändert wurde. Zusätzlichen Anschub erhielt die positive Entwicklung der deutschen Biotechnologie-Branche durch den vom damaligen Bundesforschungsministerium im Jahr 1995 ins Leben gerufene BioRegio-Wettbewerb. Angespornt durch diesen Wettbewerb entstanden viele Biotech-Regionen in Deutschland wie beispielsweise München/Martinsried, Köln, Berlin/Brandenburg und Heidelberg/Mannheim. Laut Dr. Kai Bind-seil, Leiter des Aktionszentrums BioTop, entstand die Biotechnologie-Region Berlin/Brandenburg ohne den Bonus, Modellregion des BioRegio-Wettbewerbs zu sein und gehört inzwischen mit zu den führenden Regionen. Dennoch liegen laut Fachleuten zwischen Deutschland und den USA noch Dimensionen was den Umsatz und auch die Zahl der Unternehmensgründungen angeht.

Im vergangenen Jahr ging die Zahl der Beschäftigten in der Biotechnologiebranche in Deutschland beiden Berichten zufolge von 14.408 um sieben Prozent auf 13.400 zurück. Der Gesamtumsatz sank von 1,045 Milliarden Euro um drei Prozent auf 1,014 Milliarden Euro. Die Zahl der Unternehmen in Deutschland sank um fünf auf insgesamt 360. Dabei standen 25 Neugründungen 26 Insolvenzen gegenüber. Vier wei-tere Unternehmen fusionierten bzw. wurden aufgekauft. Mit 11 Prozent wurden die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in der Biotechbranche besonders stark reduziert.

Aber nicht nur Deutschland ist vom Wachstumsstopp betroffen. Im restlichen Teil Europas sieht es nicht besser aus. Großbritannien bleibt aber weiterhin die Nummer eins in Europa, obwohl Deutschland in der Anzahl der Unternehmen die Nase vorn hat. Großbritannien hat zwar mit 331 Biotechnikfirmen rund 30 Firmen weniger, erwirtschaftet aber mit diesen Unternehmen zusammen einen Umsatz von 4,163 Mrd. Euro.

Bedingt durch die geringe Größe der deutschen Firmen, 77 Prozent haben weniger als 30 Mitarbeiter, und den relativ geringen Umsatz bezogen auf die Anzahl der Firmen, rangiert die deutsche Biotechnologie-Industrie weiterhin im Mittelfeld, heißt es in dem Report von Ernst & Young. Die Experten meinen, der Biotechnologie-Industrie in Deutschland fehle die "kritische Masse", um nachhaltig Produkte entwickeln und große "Deals" in Form von strategischen Allianzen oder Zusammenschlüssen bewerkstelligen zu können. Ein Großteil der Unternehmen konzentriere sich zwar mittlerweile auf die Produktentwicklung und weniger auf Dienstleistungen. Die Zahl der Produkte, die kurz vor der Zulassung stehen, sei aber sehr gering, die Zahl der Produkte, die am Anfang der Entwicklungspipeline (Phase I) stehen, dafür sehr groß.

Ein weiteres Problem dabei sei die Konzentration auf überwiegend ein Produkt, was ein hohes Risiko darstelle. Die Entwicklungszeit eines Produkts nehme mehrere Jahre in Anspruch und die Unternehmen müssten in der Zwischenzeit anderweitig Umsatz erwirtschaften, da es fast unmöglich sei, eine Finanzierung für die Dauer eines Entwicklungszeitraumes von zehn bis 12 Jahren zu bekommen. "Die Krise kam ungünstigerweise zu einem Zeitpunkt, in der die Entwicklung der Biotechnologie-Branche noch nicht weit genug fortgeschritten war. Es konnte noch keine größere Zahl an stabilen Unternehmen hervorgebracht werden und Zusammenschlüsse und Übernahmen, die für eine notwendige kritische Masse nötig wären, sind noch nicht erfolgt", erläutert Dr. Siegfried Bialojan von Ernst & Young die Lage.

Quelle: idw/Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC)




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