14.03.2019

Wissenschaft um jeden Preis?!


Wernher von Braun 1960
Wernher von Braun 1960
Quelle Wikipedia [CC0]
Naturwissenschaftliche Forschung, insbesondere die Grundlagenforschung, steht oft dann im Fokus, wenn sich das Forschungsziel nicht erschließt oder es um ethische Fragen geht, wie beispielsweise in der Gentechnik oder wenn Tierversuche durchgeführt werden.

Dann gibt es Diskussionen darüber, ob das Geld nicht sinnvoller eingesetzt werden könne, bis zur Verunglimpfung oder Bedrohung der Wissenschaftler. Die Reaktionen der Betroffenen sind vielfältig, von konstruktiven Gesprächen über öffentliche Beweisführung bis hin zur Resignation oder Verlagerung der Aktivitäten in politisch weniger kritische Gefilde.

Unbestritten ist: Ohne Forschung gibt es keinen Fortschritt, daher bin ich bekennender Fan der Wissenschaft. Aber eben nicht um jeden Preis!
Die Wissenschaft hat keine moralische Dimension. Sie ist wie ein Messer. Wenn man sie einem Chirurgen und einem Mörder gibt, gebraucht es jeder auf seine Weise.
Wernher von Braun (1912-1977)
Dieses Zitat stammt von dem deutschen Raketen-Ingenieur Wernher von Braun. Er war ein ehrgeiziger, talentierter Wissenschaftler, aber auch ein Opportunist, dem ich bedenkenlos jede moralische Dimension abspreche.

Von Brauns Karriere war steil und voller Erfolge. Er war federführend bei der Entwicklung der "V2", der deutschen Superwaffe im 2. Weltkrieg, und später ein Pionier der US-Raumfahrt: die unter seiner Beteiligung entwickelte Saturn-Rakete ermöglichte die bemannte Raumfahrt und Mondlandung. Ehrungen wie das Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern (1944), das Große Verdienstkreuz (1959) und das Große Verdienstkreuz mit Stern des Verdienstordens (1970) der Bundesrepublik Deutschland sind nur einige seiner Auszeichnungen neben insgesamt 25 Ehrendoktortiteln diverser (auch amerikanischer) Hochschulen.

Von Braun war aber auch seit Ende 1935 Mitglied der NSDAP und wurde Sturmbannführer der SS. Er wusste um den Einsatz der "V2" gegen die Zivilbevölkerung. Historische Dokumente und Zeitzeugen belegen, dass er KZ-Häftlinge zum Bau dieser Waffe anforderte und ihm die menschenverachtenden Zustände in der Rüstungsfabrik Mittelwerk-Dora, in der die "V2" serienmäßig produziert wurde, sehr wohl bekannt waren.

War er nun Chirurg oder Mörder? Wie viele talentierte Wissenschaftler wurde auch von Braun nach Ende des 2. Weltkrieges im Rahmen der Operation Overcast von den USA rekrutiert und dort mit Kusshand begrüßt, um weiter zu forschen. Aber auch die Auszeichnungen, die er in den 50er, 70er Jahren und auch noch später von der BRD erhielt, lassen ihn wohl eher als Chirurgen erscheinen, der das Messer "Wissenschaft" im besten Sinne gebraucht.

Dass von Braun im Rahmen der Nürnberger Prozesse nicht angeklagt wurde, obwohl er für den Tod tausender Menschen, die bei der Produktion oder dem Einsatz der "V2" ums Leben kamen, zumindest mitverantwortlich gemacht werden muss und auch sonst nicht zur Verantwortung gezogen wurde oder gar Reue zeigte, bekräftigt sein oben genanntes Zitat auf zynische Weise: hier vermisst man tatsächlich die moralische Dimension der Wissenschaft.

» Mehr über das Leben und Wirken von Wernher von Braun

Autor: Anke Fähnrich


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