19.04.2018

Er|klä|rung, die; Substantiv, feminin - Darlegung der Zusammenhänge


Tun Sie gerne Dinge, deren Sinn sich Ihnen nicht erschließt? Oder wissen Sie auch lieber, wofür und warum Sie etwas tun und arbeiten lieber an Themen, deren Zusammenhänge Ihnen ersichtlich sind?

Eine gute wissenschaftliche Theorie sollte einer Bardame erklärbar sein.
Ernest Rutherford (1871-1937)

Diese Ansicht vertrat Ernest Rutherford, der 1908 den Nobelpreis für Chemie für seine Untersuchungen über den Zerfall der Elemente und die Chemie der radioaktiven Stoffe bekam. Er trifft damit, wie ich finde, ins Schwarze. Nicht, weil er mit diesem Ausspruch die Intelligenz der Bardamen/-keeper oder Restaurantfachangestellten diskreditiert. Vielmehr beschreibt er damit, wie wichtig es ist, sich auch über die Grenzen seines Fachgebiets hinweg verständlich auszudrücken, um andere von einer Idee zu überzeugen.

Viele Ideen und Theorien werden zunächst in der Abgeschiedenheit eines Labors oder einer kleinen Diskussionsrunde entwickelt. Erfolgreich werden sie dann, wenn sie nicht nur funktionieren, sondern auch gut vermarktet werden können. Geldgeber für die weitere Entwicklung oder Verbreitung dieser Ideen findet man nicht immer sofort in unmittelbarer Umgebung. Also ist es wichtig, seine Theorie auch für Außenstehende verständlich darzulegen, um engagierte Mitstreiter zu finden.

Es gibt durchaus einige positive Beispiele dafür, wie es gelingen kann, komplexe Dinge möglichst einfach zu erklären. Sei es die Buchreihe "... für Dummies", die (nicht nur) die gängigen Naturwissenschaften augenzwinkernd aufbereitet. Auch TV-Sendungen wie "Leschs Kosmos" oder "Quarks", die sich aktuellen naturwissenschaftlichen Themen - zugegeben, manchmal etwas reißerisch - annehmen, aber leider in Nischenprogrammen oder zu unpopulären Sendezeiten ausgestrahlt werden, oder die sich mittlerweile immer größerer Beliebtheit erfreuenden öffentlichen Science-Slams sind weitere Belege dafür.

Aber nicht nur hochwissenschaftliche Theorien bedürfen einer allgemeinverständlichen Erklärung. Auch die Erkenntnis, dass Forschungsergebnisse bis in unseren Alltag reichen können muss dargelegt werden. Viele Zusammenhänge hat man erst in den letzten Jahrzehnten erkannt. Nicht wenige davon betreffen viele Menschen, werden aber nur von einer Handvoll Fachleuten verstanden. Hier ist Lobbyarbeit im besten Sinne gefragt: Auch Laien müssen von der Wichtigkeit einer Sache überzeugt werden, damit ein Umdenken stattfinden kann. Das gelingt nur dann, wenn die Sachlage verständlich gemacht wird, die Problematik langfristig auf der Tagesordnung bleibt und wenn viele "kleine Leute" die Entscheider mit ihrer Beharrlichkeit beeinflussen.

Nehmen wir das Beispiel Umweltschutz und Nachhaltigkeit: Wurden noch vor 35 Jahren die Benutzer der "Jute statt Plastik"-Taschen als "Ökos" oder "Müslis" mit lila Latzhosen verspottet, gehört es heute zum guten Ton, Plastiktüten abzulehnen und seinen persönlichen Stoffbeutel mehrfach zu nutzen. Wo früher achtlos weggeworfen wurde, wird heute zunehmend recycelt oder bereits im Vorfeld der Müll vermieden. Im besten Fall findet so ein Umdenken auch ohne Gesetzeserlass statt - und das gelingt eben am leichtesten, wenn man erklärt bekommt, warum man etwas tun oder lassen sollte.

Wenn jeder bei sich im Kleinen anfängt, kann man in Summe Großes bewirken. Dessen sollten wir uns bewusst sein. Leider gilt für zu viele immer noch der Satz

Keine Schneeflocke in der Lawine wird sich je verantwortlich fühlen.
Stanislav Jerzy Lec (1909-1966)

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Autor: Anke Fähnrich


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