21.02.2018

Höchstwahrscheinlich oder höchstens wahrscheinlich?


Immer wieder werden wir in den Medien mit statistischen Berechnungen konfrontiert, die meist sehr beunruhigend daher kommen: Da wird beispielsweise postuliert, dass 38.000 Menschen jährlich an Stickoxiden sterben, oder in den letzten 20 Jahren 80 Prozent aller Insekten verschwunden sind. Als umwelt- und gesundheitsbewussten Menschen haben auch mich diese Nachrichten interessiert und ich habe weitere Informationen jenseits der Schlagzeilen gesucht.

Zunächst fragte ich mich, auf welchen 38.000 Totenscheinen wohl "Stickoxidvergiftung" notiert wurde. Nun, in der Studie, der diese Zahl zugrunde liegt, wurden solche nicht erwähnt. Dafür wird mittels Hochrechnung überlegt, bei wie vielen Menschen durchschnittlich die Möglichkeit bestehen könnte, dass NOx und Ozon mitverantwortlich für einen frühzeitigen Tod sein könnten. Übrigens: Wissenschaftler des Helmholtz-Institutes für Umweltforschung in Leipzig relativieren die Zahl und beziehen Stellung dahingehend, dass die Studie des US Institutes nicht belege, dass 38.000 gesunde Menschen stürben, sondern nur symbolisiere, dass der Gehalt an NOx in der Atemluft gering gehalten werden solle. - Brauchte es für diese Erkenntnis tatsächlich eine Studie?

Die 80 Prozent verschwundenen Insekten, die letzten Sommer durch die Presse flogen, resultierten aus zwei lokalen Stichproben, die Nahe Krefeld in den Jahren 1989 und 2013 gesammelt und ausgewertet wurden. Daraus abzuleiten, dass in ganz Deutschland 80 Prozent aller Insekten verschwunden sind, finde ich recht gewagt. Sonst könnte ich nach einem Ausflug zum hessischen Altrhein zur richtigen Jahreszeit auch ableiten, dass die Anzahl Stechmücken in Deutschland signifikant zugenommen hat.

Unbestreitbar ist sicher, dass die Umweltverschmutzung uns Menschen und die Ökosysteme um uns herum - teilweise nachhaltig und irreversibel - beeinträchtig. Das möchte ich an dieser Stelle auch nicht schön reden. Es ist der unsachgemäße oder ungeprüfte Umgang mit den zugrunde liegenden Untersuchungen oder Studien, den ich bemängle.

Offensichtlich sind nicht wenige Wissenschaftler ebenfalls der Meinung, dass die statistische Interpretation wissenschaftlicher Ergebnisse kritisch betrachtet werden muss. Bereits im Jahr 2005 wurde in der Zeitschrift PLOS ein Artikel mit dem Titel "Why Most Published Research Findings Are False" veröffentlicht. Auch die American Statistics Assosiation hat eine differenzierte Meinung zur statistischen Berechnung wissenschaftlicher Ergebnisse.

Aber auch ohne wissenschaftlich belegte, hochgerechnete oder wie auch immer ermittelten Ergebnisse, weiß jeder, der schon mal beim "Mensch ärgere dich nicht" verzweifelt und deutlich mehr als sechs Runden darauf gewartet hat, eine 6 zu würfeln um endlich aktiv am Spiel teilnehmen zu können:

Alles, was lediglich wahrscheinlich ist, ist wahrscheinlich falsch.
René Descartes (1596-1650)

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Autor: Anke Fähnrich


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