13.12.2018

Alle Jahre wieder ...


... stellt man mit Schrecken fest, dass das Jahr schon gleich vorbei ist. Entgegen aller Vorsätze hetzt man erneut von einem besinnlichen Event zum nächsten und hat schon wieder erst eins der vielen benötigten Weihnachtsgeschenke besorgt - ganz zu schweigen von all den liegengebliebenen Arbeiten, die sich auf dem Schreibtisch türmen.

Diese Woche geht im Taumel vorüber, man muss mit dem Strome fortziehen
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

schrieb Goethe im März 1788 an seinen Freund Herzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach. Allerdings befand dieser sich seinerzeit nicht im Jahresendstress sondern auf einer Italienreise, auf der er möglichst viel sehen und erleben wollte. - Heute würde man wahrscheinlich sagen, er befand sich im" Freizeitstress".

So wie Goethe damals geht es dieser Tage sicher vielen Menschen. Man fühlt sich getrieben und hat den Eindruck, dass die zur Verfügung stehenden 24 Stunden des Tages deutlich kürzer sind als im Rest des Jahres. Das ist einfach so, wenn mehr in ein Zeitfenster gepackt wird, als eigentlich hinein passt. Daran hat sich in den letzten 230 Jahren offensichtlich nichts geändert.

Rezepte gegen verordneten oder selbstgemachten Zeitmangel gibt es zu Hauf. Nützen tun sie erfahrungsgemäß nur wenig. Wenn man es nicht schafft, die vielen Programmpunkte und To-do-Listen zu entzerren, in dem man früher damit anfängt oder sie auf Beginn des nächsten Jahres verschiebt, sollte man es so wie Beppo Straßenkehrer handhaben, den Freund des Mädchens Momo aus dem gleichnamigen Kinderbuch von Michael Ende, in dem erzählt wird, wie die grauen Herren den Menschen die Zeit stehlen.

Beppo Straßenkehrer sagt nämlich: "[...] Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen. [...] Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug. [...] Auf einmal merkt man, dass man Schritt für Schritt die ganze Straße gemacht hat. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht außer Puste. [...]"

Betrachten wir wie Beppo Straßenkehrer also nicht die ganzen Termine, die noch anstehen, sondern freuen wir uns auf jeden einzelnen und atmen zwischendurch tief ein und aus. Denken wir also nicht darüber nach, wie viele Geschenke wir noch dringend besorgen müssen, sondern freuen wir uns über jedes erstandene, mit dem wir dem Beschenkten eine Freude machen werden.

Auf einmal merkt man, dass Weihnachten ist. Man hat gar nicht gemerkt wie, und man ist nicht aus der Puste.

» Briefe von J.W. Goethe

» Zu Beppo Straßenkehrer

Autor: Anke Fähnrich


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