21.06.2018

Immer diese Unordnung!


Es ist wie verhext: mühevoll hat man Schreibtisch, Labor oder Wohnung aufgeräumt, doch bereits nach kurzer Zeit liegt wieder alles kreuz und quer und man sucht vergeblich die wichtige Korrespondenz, die Tiegelzange oder den Autoschlüssel.

Was vordergründig nach persönlichem Fehlverhalten oder Missmanagement aussieht, ist in Wahrheit ein physikalisches Phänomen, das bereits im 19. Jahrhunderts erkannt und ausführlich beschrieben wurde. Die Physiker Ludwig Boltzmann und Willard Gibbs prägten den Begriff der Entropie, ein Maß für die Irreservibilität von Prozessen, der umgangssprachlich und etwas ungenau mit "Maß für die Unordnung" übersetzt wird.

Boltzmann beschreibt die Entropie folgendermaßen: "Die auf die einzelnen Moleküle eines Körpers verteilte Bewegungsenergie geht stets von einem weniger wahrscheinlichen Verteilungszustand in einen wahrscheinlicheren über, nicht aber umgekehrt."

Eine für den Laien verständliche Übertragung dieses Phänomens in den Alltag kann am Beispiel eines gewöhnlichen Kinderzimmers leicht erfolgen: Spielsachen, Schulbücher, Socken oder Ähnliches verteilen sich stets gleichmäßig im Raum - die Entropie im Zimmer nimmt zu. Praktisch ausgeschlossen ist, dass sich diese Dinge an ihren ursprünglichen Platz bewegen. Nur durch Zuführen von (meist reichlich) Energie lässt sich der ursprüngliche Zustand wieder herstellen.

Dazu passend gibt es ein Zitat von Kersten Kämpfer, Dr.-Ing. der Technischen Kybernetik und Automatisierungstechnik:

Ordnung ist Unordnung höherer Ordnung
Kersten Kämpfer (*1958)

Taucht man tiefer in das physikalische Pränomen der Entropie ein, dann lernt man, dass diese physikalische Größe global gesehen immer weiter wächst, eben, weil die Wahrscheinlichkeit für einen ungeordneten Zustand größer ist als für einen geordneten. Energie wird lieber abgegeben als aufgenommen. Als Beweis wird hier gerne ein Eiswürfel im Wasserglas angeführt. Der Eiswürfel schmilzt - kaum einer macht sich Gedanken darüber, dass hier die Moleküle des festen Wassers im Eiswürfel aus seinem relativ geordneten Zustand in den deutlich ungeordneteren Zustand der Moleküle in flüssigem Wasser übergehen. So lange, bis die Temperatur im Wasserglas überall einheitlich ist - physikalisch gesehen, die Wassermoleküle einheitlich ungeordnet sind.

Also: wenn wir uns wieder einmal über unsere eigene Unordnung oder die unserer Mitmenschen ärgern, versöhnt uns vielleicht, dass diesem physikalischen Phänomen niemand etwas entgegen zu setzen hat, da die Entropie im Universum durch jeden Organismus, allein durch sein Dasein, erwiesenermaßen stetig zunimmt - gegen Naturgesetze ist der Mensch einfach machtlos.

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» Über Kersten Kämpfer

Autor: Anke Fähnrich


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