29.06.2017

Warum umständlich, wenn's auch einfach geht?


Die Quantenphysik ist wohl für die meisten Menschen ein Buch mit mehr als 7 Siegeln. Erstaunlich, dass gerade einem berühmten Quantenphysiker folgendes Zitat zugesprochen wird:

In der Wissenschaft versucht man etwas, das niemand wusste, auf eine Weise zu sagen, die jeder versteht. In der Dichtung verhält es sich gerade umgekehrt.
Paul Dirac (1902-1984)

Paul Dirac wird nachgesagt, ein wortkarger Eigenbrötler mit autistischen Zügen gewesen zu sein. Seine Kommilitonen am St. Johns College der Cambridge Universität sollen sogar eine eigene "Maßeinheit" nach ihm benannt haben: Ein Dirac entspricht der kleinsten vorstellbare Zahl an Worten, die ein sprachbegabter Mensch im Durchschnitt in Gesellschaft anderer von sich gibt - eines pro Stunde. - Vielleicht ist diese Eigenschaft der Schlüssel zur Beschreibung eines komplizierten Sachverhaltes in verständlicher Form.

Dirac-Gleichung
Dirac-Gleichung eines ungeladenen
Teilchens
Dirac wurde jedenfalls dafür bekannt, Theorien in mathematischen Formeln auszudrücken. 1933, bereits im Alter von 31 Jahren, erhielt er für seine Arbeit den Nobelpreis für Physik. Gemeinsam mit Erwin Schrödinger wurde er "für die Entdeckung neuer produktiver Formen der Atomtheorie" ausgezeichnet. Die nach ihm benannte "Dirac-Gleichung" gilt als grundlegende Gleichung der Quantenmechanik, die - vereinfacht gesagt - Diracs Theorie mit denen von Heisenberg, Schrödinger, Born et.al zusammenfasst und zur Vorhersage der Existenz von Antimaterie führt.

Ob diese Gleichung nun tatsächlich dergestalt ist, dass wirklich jeder die Quantenmechanik versteht, möchte ich an dieser Stelle bezweifeln. Dass eine sehr komplexe Theorie für Sachkundige deutlich besser verständlich dargestellt ist, steht außer Frage.

Diracs Ansicht zur Unverständlichkeit von Dichtung möchte ich mit einem Zitat aus dem Anfang von Georg Büchners "Lenz" (1839) untermauern. Der Satz "Müdigkeit spürte er [Lenz] keine, nur war es ihm manchmal unangenehm, da er nicht auf dem Kopf gehn konnte." wirft bei mir kaum weniger Fragen auf, als Diracs Überlegungen zur Quantenmechanik ...

Auch im Alltag und im Berufsleben treffen wir immer wieder auf eigentlich einfache aber kompliziert ausgedrückte Sachverhalte: Versuchen Sie doch mal, einen simplen Kaffee bei Starbucks zu bestellen, oder nehmen Sie an einer Sitzung der Marketing-Abteilung teil. Nehmen wir uns doch Diracs Zitat zu Herzen und versuchen die Dinge so auszudrücken, wie sie gemeint sind. D.h. so, dass sie unser Gegenüber versteht und sich nicht fragen muss: "Was will der Autor damit sagen?"

» Erklärendes Video zur Dirac-Gleichung

» Graham Farmelo "Der seltsamste Mensch: Das verborgene Leben des Quantengenies Paul Dirac"

» Georg Büchner "Lenz - Der hessische Landbote"

Autor: Anke Fähnrich


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