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Labor Blog

01.06.2017

"Sei doch mal vernünftig!"


Wem wurde dieser Satz noch nicht zugerufen, verbunden mit der Aufforderung, eine spontan getroffene Entscheidung zu revidieren oder eine ausgefallene, verrückte Aktion zu unterlassen?

Der Philosoph Immanuel Kant beschreibt die Vernunft als dem Verstand übergeordnet: Der Verstand strukturiert die Wahrnehmung, die Vernunft kontrolliert die Wahrnehmung und zeigt Grenzen auf.

Befragte man heranwachsende Jugendliche nach der Definition von Vernunft, bekäme man ziemlich sicher die Beschreibungen "langweilig" und "spießig" zu hören.

Von dem amerikanischen Chemiker Linus Pauling ist folgendes Zitat überliefert:

Wenn der Mensch so viel Vernunft hätte wie Verstand, wäre alles viel einfacher.
Linus Pauling (1901-1994)

Als Träger des Nobelpreises für Chemie, verliehen für seine Forschungen über die Natur der chemischen Bindung, ist ihm der Verstand sicher nicht abzusprechen, mit seiner Vernunft dagegen verhält es sich offenbar etwas komplizierter.

Seinen Kampf gegen oberirdische Atomwaffentest, die Aufklärung über radioaktiven Fallout und seine Folgen kann man ohne Zweifel als sehr vernünftig betrachten. Pauling blieb hartnäckig, obwohl ihm sein Einsatz für die nukleare Abrüstung zu Zeiten der McCarthy-Ära zunächst den Verdacht kommunistischer Aktivitäten sowie ein Auslands-Reiseverbot und damit zusammenhängende Nachteile als Wissenschaftler einbrachte. Später, im Jahre 1963, wurde ihm für dieses Engagement der Friedensnobelpreis verliehen.

Seine Thesen zur Wirkung hochdosierter Vitamine dagegen sind durchaus fragwürdig und wissenschaftlich sehr umstritten. Mit 18 Gramm Vitamin C täglich (ist das noch vernünftig?) war er der Meinung, könne man allen möglichen Krankheiten, insbesondere Krebs, vorbeugen. - Es ist wohl eine Ironie des Schicksals, dass er ausgerechnet an genau dieser Krankheit starb.

Vernünftig zu handeln hat sicher schon manche Katastrophe verhindert und Konflikte gelöst. Deshalb würde ich das Zitat von Pauling auch so unterschreiben. Vernunft ist aber sehr relativ und liegt oft auch im Auge des Betrachters. Wichtig ist daher, dass man bei seinen Überlegungen und Entscheidungen immer beides einsetzt: Vernunft und Verstand.

—> Mehr über Linus Pauling

Autor: Anke Fähnrich


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