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26.02.2016

Neue Studie zu hormonell wirksamen Stoffen veröffentlicht


Das menschliche Hormonsystem ist ein fein austariertes System, das Stoffwechsel, Wachstum, Reproduktion, Schlaf und Stimmung reguliert. Hormone binden an spezielle Rezeptoren, die dann die biologischen Wirkungen vermitteln. Substanzen, welche die Hormonbindung beeinträchtigen, können beispielsweise zu Störungen im Blutzuckerhaushalt oder im Kalziumstoffwechsel führen und damit Diabetes oder Osteoporose begünstigen. Diese Endokrine Disruptoren genannten Chemikalien finden sich in Plastikverpackungen, Fertignahrung und in Kosmetika. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) mahnt zu einem bewussten Umgang mit diesen im Alltag weit verbreiteten Stoffen.

Seit längerer Zeit wissen Experten, dass Endokrine Disruptoren starke Auswirkungen auf die Gesundheit haben können. Von den über 800 chemischen Substanzen, die überall im Alltag zu finden sind, wirken manche wie Hormone und binden im Körper an einen Hormonrezeptor. Andere wiederum blockieren Hormonrezeptoren und verhindern so, dass körpereigene Hormone andocken und wirksam werden können. Wieder andere stören die Produktion oder die Umwandlung körpereigener Hormone und bringen so das fein austarierte Hormonsystem aus der Balance.

Endokrine Disruptoren (engl.: endocrine disrupting chemicals, EDC) finden sich in Kunststoffverpackungen, Fertignahrung, Kosmetika und elektronischen Geräten. "Wir wissen nicht, ob alle diese Stoffe das Hormonsystem nachhaltig beeinflussen. In letzter Zeit mehren sich aber die Hinweise, dass auch zunächst unverdächtige und scheinbar nützliche Chemikalien wie Weichmacher für Plastik, Flammschutzmittel, Beschichtungen für Pfannen und Verpackungen als EDC auf Menschen wirken", erläutert Professor Dr. rer. nat. Ulrich Schweizer vom Institut für Biochemie und Molekularbiologie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Zur Wirkungsweise der EDC erklärt der Wissenschaftler und Hormonexperte, dass diese durch die Bindung an Hormonrezeptoren deren Wirkung entweder übertreiben oder blockieren. "So können Xenoöstrogene das Eintrittsalter in die Pubertät senken und Antiandrogene zu vermehrten Penismissbildungen sowie zu einer seit Jahrzehnten beobachteten Verminderung der Samenqualität führen", sagt Professor Schweizer. Auch nähmen hormonabhängige Krebsarten wie Brust- und Prostatakrebs beständig zu und korrelierten mit der Anreicherung bestimmter EDC im Körper, so der DGE-Experte.

Fünf Jahre nach einer ersten systematischen Studie hat die US-amerikanische Endocrine Society ein Papier (EDC-2) vorgelegt, in dem die gesamte neue Literatur systematisch analysiert wurde. Professor Schweizer erläutert: "Die Auswertung zeigt deutlich, dass EDC auch zur Erhöhung chronischer Erkrankungen wie Übergewicht und Diabetes beitragen." Für einige Stoffe liegen bereits belastbare Daten vor. Dazu gehören Bisphenol A (BPA), das in vielen Beschichtungen für Lebensmittelverpackungen enthalten ist, Phthalsäureester (Phthalate), die als Weichmacher für Plastik dienen, Pestizide und Herbizide wie DDT und Atrazin sowie Industriechemikalien wie polychlorierte Biphenyle (PCB) und polybromierte Diether. Letztere werden als Flammschutzmittel in Matratzen und Elektrogeräten verarbeitet. All diese Produkte werden jährlich im Tonnenmaßstab produziert und wirken schon in geringsten Konzentrationen auf Mensch und Tier.

Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) weist schon seit Jahren auf die Gefahren durch Endokrine Disruptoren hin. Sie unterstützt die Schlussfolgerungen des internationalen Expertenteams, welches neben einer intensivierten und international koordinierten Forschung eine verstärkte Information der Öffentlichkeit, der Politik und der regulatorischen Behörden fordert, um dem länderübergreifenden Problem einer zunehmenden Belastung von Nahrungsmitteln und Umwelt mit EDC entgegenzuwirken.

Problematisch ist aus Sicht von Professor Dr. med. Matthias Weber, Mediensprecher der DGE und Leiter der Abteilung für Endokrinologie und Stoffwechselkrankheiten an der Universitätsmedizin der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, dass neue Chemikalien auf den Markt kommen, nachdem sie zwar auf akute Giftigkeit hin getestet wurden, aber ohne dass ihre Unbedenklichkeit als EDC geprüft wäre. "Zur Sicherheit gehört eben auch zu klären, ob sie bereits in niedrigen Dosen in das Hormonsystem eingreifen." Professor Schweizer ergänzt: "So wurde das in Verruf geratene BPA durch Bisphenol S ersetzt, das sich im Nachhinein als genauso wirksame EDC entpuppt hat wie die Substanz, die es ersetzen sollte."

Den Verbrauchern rät Professor Schweizer, ihre Macht als Kunden zu nutzen und gegebenenfalls das Kaufverhalten zu ändern. "Jeder kann selbst entscheiden, ob er die Wurst oder den Käse scheibenweise in Folie verpackt kaufen möchte, ob Äpfel einzeln eingeschweißt sein müssen und ob man seinen Kaffee im Gehen aus beschichteten Pappbechern trinken möchte."

—> Originalpublikation

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE)




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