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Labor Blog

15.07.2016

Wunsch-Text in einer Minute?


Haben Sie auch schon mal vor einem leeren Blatt Papier - bzw. neu zu erstellendem Dokument - gesessen? Mit genauso leerem Kopf oder mit nur einer groben Idee? Uns in der Redaktion geht das manchmal genauso.

Abhilfe will ein US-Start-up schaffen, das mit Articoolo einen Algorithmus entwickelt hat, der aus 2 bis 5 Schlagworten einen laut Hersteller "unverwechselbaren, korrekturgelesenen Content von hoher Qualität nach dem Vorbild eines menschlichen Journalisten" kreieren soll. Das Angebot sei für Texter, Journalisten und Studierende gleichermaßen nützlich.

Nun, recherchiert wird deutlich schneller und wahrscheinlich auch umfangreicher, als wenn ich mich durch das World Wide Web quäle. Die in meinem Probe-Account vorgeschlagene Textvorschau zum Thema "Fluoreszenzmikroskopie" sah auch auf den ersten Blick ganz brauchbar aus. Aber will ich mich wirklich auf einen "Roboter Journalisten" (der sich übrigens momentan noch in der Betaphase befindet) verlassen? Würde ich suchmaschinen-optimierte Texte denen mit inhaltlicher Qualität vorziehen, wäre die (kostenpflichtige) Nutzung eines solchen Werkzeugs möglicherweise interessant. Was der Algorithmus definitiv (noch?) nicht kann, ist die Beurteilung der vorhandenen Informationen oder eine Meinungsbildung zum Thema. Mir als Redakteurin liegt aber gerade das besonders am Herzen, selbst wenn wissenschaftliche Themen in dieser Hinsicht gegenüber beispielsweise gesellschaftlichen Inhalten deutlich eingeschränkt sind.

Die Idee des selbstschreibenden Artikels passt dennoch gut zum allgemeinen Trend, zu dem ich auch selbstfahrende "Smart Cars" oder das selbst spielende "Smart Home Piano" zählen möchte. Vieles, das mit Arbeit oder Lernaufwand verbunden ist, kann mittlerweile "outgesourced" werden. Nicht, dass der Eindruck entsteht, hier säße jemand Technologie feindliches in der Redaktion, aber eigentlich können wir doch stolz darauf sein, dass wir fähig sind und die Möglichkeit haben, komplexe Informationen zu analysieren oder uns neues Wissen zu erarbeiten und in bekannte Zusammenhänge stellen zu können. Sollen diese Fähigkeiten durch immer neue Tools noch weiter verkümmern?

Wenn beispielsweise auch die Gerätesoftware im Labor immer ausgereifter wird, so wird man leider immer noch selbst denken müssen, auch wenn mancher Hersteller das Gegenteil in seinen Anzeigen zu vermitteln versucht...

Glücklicherweise wird bei ANALYTIK NEWS Wert auf selbstständiges Denken - neudeutsch "Smart Brain" - gelegt, so dass mich in absehbarer Zeit wohl kein Algorithmus ersetzen wird.

—> Informationen zu Articoolo

Autor: Anke Fähnrich


—> Kommentieren


Helmut Martens19.08.2016 um 09:29:11

Liebe Frau Fähnrich,

da nach meiner Beobachtung die meisten Menschen das auch noch toll finden, dass das Denken ihnen abgenommen wird, stellt sich mir die Frage nach dem Ziel. Brot und Spiele als Endstufe einer dann untergehenden Kultur?

Wie bequem für die wenigen Mächtigen, wenn nichts mehr hinterfragt wird und die Menschen sich immer weiter reduzieren und überhaupt nicht mehr wissen, was sie wie und warum überhaupt tun? Wenn sie denn überhaupt noch etwas tun müssen.

Die Verblödung und Verrohung immer breiterer Schichten erfahren wir inzwischen doch tagtäglich. Soll es da keinen Zusammenhang geben? Alles nur Zufall? Ich glaube, nein. Ich glaube, es ist Methode.



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